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Ich beobachte sie seit Tagen, wenn sie von der Arbeit kommt. Es ist Winter und früh dunkel, die Nächte sind lang, und ich genieße jede Sekunde. Verborgen aus dem Mauerschatten eines Hauseingangs heraus beobachte ich sie, und ich bin noch so fasziniert von ihr wie ihr wie in jener ersten Nacht, als ich sie in ihrem Traum besuchte. Wie eine lodernde Flamme erschien sie mir, mit ihrem feurig roten Haar, das ihr in sanften Wellen über Schulter und Rücken glitt.
Lediglich ein Vorübergleiten war es gewesen, unsere Begegnung im Traum, eine leichte Berührung unserer Körper, aber der Blick aus ihren kohlrabenschwarzen Augen, mit dem sie in mich drang und ihre bebenden, feuchtglänzenden Lippen erweckten mein Begehren mit einer Heftigkeit, wie ich sie seit einem Jahrtausend nicht mehr erleben durfte. Sie spürte wohl mein Verlangen, das gerade in mir entfachte Feuer, es mußte ihr genehm sein, denn nach einem weiteren, diesmal prüfenden Blick nickte sie mir kurz zu, und ich wußte, daß ich unseren Pakt damit als besiegelt betrachten durfte.
Auch für den Fürsten der Dunkelheit ist es kein leichtes, in einem Reich zu herrschen, das keine Königin hat. Ohne das weibliche Element im Dasein auch einer Wesenheit wie mir, der man im Allgemeinen das Vorhandensein einer Seele abzusprechen geneigt ist, wird alles fade. Die Routine nächtlicher Jagden war mir zu einer nur noch lebenserhaltenden Prozedur geworden, ich besoff mich am Blut junger Dinger, von denen nicht eine mein Interesse wecken konnte, und ich ließ sie zurück, wie man leere Konserven zurück läßt.
Nun aber hatte ich sie aufspüren können, in diesem kalten, nebligen Ort am Meer, und ich sehe, wie sie jetzt die Haustür aufschließt, sich kurz wendet, ihren Blick rundum streifen läßt, so, als würde sie Witterung aufnehmen, mit bebenden Nasenflügeln, und dann das Haus betritt. Ich löse mich aus dem Schatten und folge ihr. Die Haustür ist nicht ins Schloß gefallen, ich stoße sie auf und betrete den Hausflur, an dessen Ende ein schmaler Lichtschein eine weitere offene Tür vermuten läßt.
Ihre Wohnung ist in gastfreundliches Dunkel getaucht, nur hier und da flackert das Licht einer Kerze, und ihr Geruch, der über allem schwebt, raubt mir für einen Moment den Atem. Dann folge ich ihm dahin, wo er am stärksten ist.
In aufreizender, ihre Rundungen umschmeichelnder Weise posiert sie auf ihrem Bett, die Augen bei meinem Eintritt in ihr Schlafzimmer auf mich gerichtet. „Da bist du ja endlich, Geliebter.“ Ein Sprung, und ich bin über ihr, spüre die Weichheit ihres Körpers, ihrer prallen Brüste, das Drängen ihres Schoßes, und ich weiß, das alles wird mir gehören, wenn sie meines Volkes ist, wenn ich sie zu meiner Königin gemacht habe. Und als ich meine Zähne in ihren zarten Hals schlage, ihre Lust spüre, mit der sie sich mir entgegendrängt, ihr Stöhnen wie Musik in ihren Ohren erklingt, schmecke ich ihr süßes Blut über meinen Gaumen den Rachen herunterrinnen – und das erste Mal seit unendlich langer Zeit genieße ich in vollen Zügen.
